Sprachkunst und intelligente Clownerie
Lorsch. Die Eidgenossen sollen langsam sein? Pah! Ursus & Nadeschkin sind flink wie eine Maus in Turnschuhen und präzise wie ein Schweizer Uhrwerk. Jetzt hat es das zurecht hoch gelobte Duo nicht nur aufs Cover des aktuellen Sapperlot-Spielplans, sondern auch auf die gleichnamige Bühne gebracht. Endloser Applaus im ausverkauften Haus und ein dauergrinsender Chef Hans-Peter Frohnmaier, der über den hohen Besuch in der Tat stolz wie Bolle war.Nonsens auf höchstem Niveau
Das nicht gerade brandneue, aber freundlichersweise aufgefrischte Programm "Zugabe" startete jetzt auf seinen Wiederholungskurs - in
Lorsch. Nach fünf Minuten wird auch jungfräulichen Augenzeugen klar, auf was sie sich hier zwei Stunden lang eingelassen haben: Einen wilden Trip an die Grenzen der Darstellungskunst.
Absurder Humor kollidiert mit geistreicher Clownerie und knallt einem hochgradig beflügelnd und wahnsinnig unterhaltsam an die durchaus
erwartungsvolle Birne. Mit luxuriösem Nonsens bis zum Bersten gefüllte Augenblicke, die man so schnell nicht wieder vergessen wird. Sicher ein saisonales Highlight im Sommer-Menü der ambitionierten Kulturscheune.
Ursus & Nadeschkin sind Urs Wehrlin und Nadja Sieger. Preisüberhäuft und viel gelobt. Sie sind Meister der kleinen Gesten und großen
Effekte. Es wird gefeilt statt draufgeschlagen. "Zugabe" vereint einige Lieblingsnummern aus den vergangenen 22 Jahren: Aufpolierte Perlen der Vergangenheit, dramaturgisch wundervoll an eine lange Kette gereiht.
Energetische Wortakrobatik paart sich mit wuchtiger körperlicher Präsenz - beides zusammen ergibt eine tänzerische Rhythmik, die man bei
ähnlichen Bühnenprogrammen nicht bemerkt. Wobei es eigentlich überhaupt keine Shows gibt, die mit jener vergleichbar wären.
Blitzschnelle Sprachkunstwerke bauen sich zu flankierenden Soli auf, um sich in der nächsten Sekunde in einem synchronen Klangbild aufs
Magischste zu vereinen. Die Vielseitigkeit des Künstlerduos offenbart sich in akzentuiertem Tanz und feingliedrigen Dialogen sowie in einer
expressiven Mimik und Gestik, die in einem kompakten Haus wie dem Sapperlot umso besser zur Geltung kommt. "Wie spielt man eine Schwangerschaft im zweiten Monat?"
Auch als Romeo und Julia brillant
Mit ihren subtilen Wortspielereien und einer manisch sympathischen Art hatten die beiden das Lorscher Publikum (viele kamen von weit her)
gleich auf ihrer Seite. Trotz frontal einschlagenden Pointen und einer recht süffigen Darstellung einer Szene aus "Romeo & Julia" stürzten die
beiden niemals in billigen Klamauk ab.
Anarchisch wie die Marx Brothers, absurd und tiefsinnig wie Beckett mit einer visuell jazzigen Attitüde und der uneingeschränkten Lizenz zum Allesmachen. Man nimmt sich gegenseitig die Wörter aus dem Mund, kaut sie ordentlich klein und spuckt sie kunstfertig mitten hinein ins Publikum, in dem Augen und Ohren immer größer werden.
Kissen aufs Schlagzeug
Das Sapperlot ist aus dem Häuschen, als Nadeschkin ihrem Partner Kissen aufs Schlagzeug schmeißt, damit der ihren zarten Reimen nicht mit handgemachten Donnerschlägen den Garaus macht. Kurz: Es staubt aufs Heftigste auf der Kleinkunstbühne.
Die Vokal-Partituren des Duos sind an Rhythmus und Brillanz kaum zu überbieten, selbst die Zucker überzogene Version von "I Wanna Be Loved By You" wird üppig beklatscht.
Ursus & Nadeschkin sind anders aus Prinzip, aber ohne gestelztes Exotentum oder sonstige Prahlereien, die fehlende Substanz durch laute
Körperlichkeit überwinden wollen.
"Ich bin sprachlos", kommentierte ein Zuschauer in der Pause. Nach der "Zugabe" kommt die richtige Zugabe. Ein fingiertes
Vorstellungsgespräch. Zum Kugeln. Danach ist Schluss.
Nadeschkin entlässt einen mit großen Augen und ihren Medusenhaaren in die fast schon vergessene Realität: "Jetzt müssen Sie mit Ihrem Leben wieder selbst klarkommen",
Und damit, wie man ein dermaßen kluges, heimtückisches und groteskes Bühnenprogramm in einen halbwegs seriösen Zeitungsartikel übersetzen soll.
Thomas Tritsch
Bergsträßer Anzeiger
10. Mai 2011









