Berliner Sprachwitz begeisterte Publikum in Lorsch
Lorsch. FIL ist Kult. Der Berliner Comiczeichner ist nur einem kleinen Kennerkreis aus dem subkulturellen Milieu bekannt, bei dem er aber ein
sehr hohes Ansehen genießt. Nun entfachte FIL im Sapperlot eine
Flutwelle der Begeisterung. Mit einer monströsen Bühnenpräsenz,
virtuos-schnoddrigem Sprachwitz und einem zerknirschten Hai namens
Sharkey. FIL serviert improvisierte Routine und strahlt eine chronische
Verweigerungshaltung gegenüber dem Mainstream aus. Das macht Spaß und
schafft neue Wahrnehmungsnischen, die noch nicht von öligen
Unterhaltern mit unbeholfenen Schritten ausgetreten wurden.
Nichts ist kühl kalkuliertes Schockertum, alles selbst gemixte
Naturkomik. Er ist ein glänzender Parodist nicht von Personen, sondern
von Genres und Meinungen. Ein Emblem der Anpassungslosigkeit und des
humoristischen Undergrounds. So einer passt nicht in ein steriles
Theater, so einer benötigt Nähe und gepflegte Patina. Das
Ausverkauftsein des Sapperlot war keine Überraschung. Ebenso wenig die
Freude der Gastgeber, eine solche talentbeschenkte Wuchtbrumme nach
Lorsch geholt zu haben.
Naturkomik mit Gitarre und Hut
Als Singer-Songwriter und Puppen-Performer verkörpert er die reale
Seite seiner legendären Comic-Strips: "Der Rainer" und das Berliner Duo
"Difi & Stulle" beleben seit über zwei Jahrzehnten die hauptstädtische
Wochenpostille "zitty" und tragen zu einem markanten Teil zur
Attraktivität dieser Stadt bei. Mit klugem Spaß und geistreichem
Blödsinn fetzte FIL gemächlich durch ein famoses Programm, das erst
nach über zweieinhalb Stunden endete.
Mit Gitarre und Hütchen steht der Schlacks auf der Bühne und zeigt
seine wunderbare Parodie eines niederländischen Liedermachers, oder er
bellt Wortfetzen im Duktus Grönemeyers zu "Rock and Roll".
Seine Methodik, oder Masche, ist der Synchron-Kommentar zur jeweiligen
Darstellung: Schiefe Reime werden mit Achselzucken begleitet,
musikalische Patzer als kreativer Spielraum geradegebogen. "Das sind
halt so Tricks", sagt er und präsentiert sich selbst kokett als
genialen, aber auf dem Boden gebliebenen Künstler mit dem Herz am
rechten Fleck. FILs Ironie kommt leise durch die Hintertür. "Ich hab
immer noch Lampenfieber. Das ist aber auch süß, oder?"
Am besten ist er, wenn er zur Gitarre den leidenden Troubadour mit
Fußschemelchen gibt oder den universitären Ernst der Hamburger Schule
persifliert: "Lass uns eine Brücke graben." Hier zeigt sich, welch
begnadeter Beobachter, Weltenkenner und schöpferischer Wort-User da auf
der Bühne steht. Die Technik ("Die hässliche Schwester der Magie") mag
er ohnehin nicht, wie alles, was nach aseptischer Perfektion riecht. FIL ist ein Meister der Verzögerung und ein König der assoziativen Ausschweife. Ein Kind der 70er Jahre, als ihn seine Eltern zwangen, den
seltsamen Geschichten des amerikanischen Folksängers Don Paulin
zuzuhören, bei dessen Polyesterrollis "man schon als Kind Rasurbrand bekam".
Auf der Bühne ist FIL wie ein Überraschungsei. Besonders, wenn er seine
rechte Hand, die reaktionär-renitente Puppe Sharkey loslässt. Der
ehrenamtlich tätige Fisch kultiviert eine gepflegte Berliner Schnauze
und fährt seiner führenden Hand rotzfrech übers Maul. Bauchreden kann> FIL auch nicht, deshalb hält er sich einfach die Hand vor den Mund.
Grandios die von Sharkey vorgetragene Fabel über den Blumengeburtstag,
bei dem das schizophrene Duo zu Hochform aufläuft: "Das Erdreich klumpt
vor sich hin", während die Feier aufgrund pflanzlicher Immobilität an
Geselligkeit leidet.
Ein anderer Glanzpunkt des an solchen nicht armen Abends ist eine
Novelle, bei dem die Anfangsbuchstaben der aufeinander folgenden Wörter
in der Reihenfolge des Alphabets geordnet sind. FIL fand es
unkonsequent, dass in Büchern unten immer geordnet aufsteigende Zahlen
stehen und die Buchstaben darüber wahllos durcheinander gewürfelt sind.
Für diese Nummer ist "brillant" das Mindeste an Zuschauerkommentar.
"Der Berliner lacht schnell und effizient", teilt er den Lorschern mit.
Eine Methode, die man bei FIL grundsätzlich anwenden sollte. Sonst
bekommt man zu viel nicht mit. Die Show hat gefunkelt in Lorsch. Ein
kreativer Orkan fegte durch die Theaterscheune. Irrsinnig komisch und
wahnsinnig sympathisch. Nach der letzten Zugabe, dem
platonisch-flirrenden "Nebeneinander liegen", hüpft er von der Bühne
und rennt vor zum Heftchensignieren. Hoffentlich bleibt FIL feiner Kult
und gegen die latenten Gefahren der Comedy-Szene weiter immun.
Thomas Tritsch
Bergsträßer Anzeiger
29. Oktober 2011









