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Nach all den Jahren immer noch ein verruchter Engel

Sapperlot: Zum 50. Bühnenjubiläum verzaubert Romy Haag das Publikum und blickt herrlich unsentimental in die Vergangenheit

Nach all den Jahren immer noch ein verruchter Engel

Von unserem Mitarbeiter Thomas Tritsch

Lorsch. Romy Haag in Lorsch. Das Publikum feiert die Entertainerin euphorisch bis zur letzten Sekunde. Rosen fliegen, Wunderkerzen brennen. Standing Ovations für die charismatische Ursache einer unvergesslichen Sternstunde.

Diva, Göttin, Glamourstar: Alles überflüssig. Romy Haag ist sich selbst ihr eigenes Synonym. Einmalig und unverwechselbar. Ohne grobkörnige Etiketten zu bemühen, behauptet sie sich seit fünf Jahrzehnten als völlig eigenständige Skulptur im internationalen Showbusiness. Ihr Credo nach all den Jahren: Weitermachen! Ganz unnostalgisch und im Jetzt verankert.

 

Alter ist nur eine Zahl

Sie singt die alten Lieder, ohne in Wehmut zu verrotten. Das ist selten und wunderbar zugleich. Ausruhen gilt nicht. "Moving On" heißt die letzte CD. Dass sie mittlerweile "etwas über 50 ist" (wir lassen das tatsächliche Geburtsdatum jetzt mal vornehm unerwähnt), scheint die große Diseuse nicht die Bohne zu interessieren. Romy Haag kommt bestens mit der Gegenwart zurecht. Ihre Jugend ist Legende. Mit 23 eröffnet sie, frisch aus New York zurück, das "Chez Romy Haag" in Berlin - ein Nachtclub, den sie neun Jahre leitet und unter anderem mit Bowie, Jagger und Mercury prominent besetzt.

Mit einer verträumten Version von "Helden" (1977) serviert Haag in ihrem aktuellen Programm "Everybody Knows" einen Klassiker aus Bowies Berliner Phase. Mit dem britischen Künstler, damals popmusikalische Avantgarde, war sie zwei Jahre liiert. Gleich hinterher kommt "Walk On The Wilde Side" aus Lou Reeds 1972er Album "Transformer", das David Bowie produziert hatte. Der Song dreht sich unter anderem um Transsexualität - ein Kapitel, das im Falle von Romy Haag zur Genüge durchgekaut wurde.

Der Michael-Jackson-Song "Billie Jean" überrascht ein wenig, doch die langsame Version mit dem dramatischen Piano von Harald von Abstein ist perfekt auf die gesangliche Figur Haags maßgeschneidert. An den Gitarren Blacky Schwarz und - als Überraschungsgast - Denis Fischer, der vor kurzem noch mit seinem Cohen-Programm im Sapperlot gastierte. "Ich bin dein Mann" ("I'm Your Man") singt Fischer die Grande Dame an, die sich bei diesem Song eine genüssliche Pause gönnt.

Fein auch das Duett bei Iggy Pops "Candy". Mit "Everybody Knows" liefert auch Haag ihre Cohen-Hommage: locker, verspielt und erotisch bis in die Zehenspitzen. "Immer schön, wenn was Hübsches in der ersten Reihe sitzt", kommentiert sie das frontale Lorscher Publikum, das sie schon einmal 2008 bezirzen konnte.

Und weiter geht die Reise von Bettina Wegners gesellschaftskritischem "Jesus" bis zur grandiosen Stimme der Seeräuber Jenny von Brecht/Weill ("Denn wie man sich bettet, so liegt man").

Zum coolen Blues "Help Me Make It Through The Night" kuschelt sich Romy Haag lasziv ans Piano, verkörpert Hure und Engel in einer beinahe transzendenten Erscheinung. Eine sehr biografische Ballade hat ihr Klaus Hoffmann mit dem Stück "Meine blaue Gitarre" auf den Leib geschrieben. Es handelt von Abschied und Heimkehr, vom Zirkus und der ersten Liebe, von Wanderschaft und Selbstfindung: "Und ich weiß nach all den Jahren, nun endlich, wer ich bin." Die Wunden sind verheilt, nur die Narben tun manchmal noch weh. Da wurde es ganz still im Sapperlot. Gänsehaut, wohin man schaute.

Ein klein wenig Kritik

Kritik gefällig? Ein bisschen zu viel Hall im Verstärker, und auch der etwas seicht, alleinunterhaltermäßig klingende Synthesizer hätte nicht sein müssen. Das war s dann aber schon.

Auf der Bühne leben sie noch, ihre berüchtigten Transformationen. Vom kleinen Mädchen verwandelt sie sich zur dominanten Lady, sie balanciert virtuos zwischen Wut und Nachsicht, Sehnsucht und Zufriedenheit. Eines ist Romy Haag immer: herzlich und warm von der roten Mähne bis zu den High Heels. Als Zugabe gibt es Piazzollas "Libertango" à la Grace Jones und "Sweet Dreams" von den Eurythmics. Das Publikum lässt sie nicht gehen. Bei "Nights in White Satin" singt das ganze Sapperlot mit. Jeder ist ein bisschen verknallt. Warum auch immer. Ein bisschen Divenverehrung kann nicht schaden. Hoppla, jetzt ist die "Diva" doch noch reingerutscht.

Bergsträßer Anzeiger
31. Januar 2012

 
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