Theater Sapperlot: Kabarettist Sinasi Dikmen beeindruckt mit seinem Schnellkurs "Islam für Anfänger"
Lorsch. Türkische Pizza? Kein Problem. Ein katholischer Imam durchaus. Rotwein und Schweinefleisch, Ramadan und schmutzige Gedanken. Bei krassen konfessionellen Kontrasten kann jeder interreligiöse Dialog schon mal ins Holpern kommen.
Vor allem dann, wenn sich zwei Fronten mit sorgfältig herangezüchtetem Halbwissen in die Quere kommen.Dabei sind Muslime und Christen, der Einfachheit halber Türken und Deutsche genannt, sehr anpassungsfähig: Das straffe islamische Regelwerk und der teutonische Ordnungssinn müssten sich doch erstklassig verstehen. Ob und wie viele Zuschauer nach Freitagabend konvertiert sind, bleibt vorerst unklar. Fest steht, dass es Sinasi Dikmen gelungen ist, den inhaltsschweren Religionssalat gehörig durcheinander zu wirbeln.
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Mit seinem Schnellkurs "Islam für Anfänger" war der türkische Kabarettist Frankfurter Herkunft im prall gefüllten Theater Sapperlot zu Gast. Ein monotheistisch gefärbter Diskurs über die menschlichen Auswirkungen der großen Weltreligionen, gewürzt mit feiner Ironie und elegantem Sprachwitz, intelligenter Provokation und pointierter Gesellschaftskritik. Ja, es gibt ihn wirklich, den türkischen Humor. Satire ist dort Volkssport.
Damit das klar ist: Sinasi Dikmen ist kein Komödiant. "Nicht alles, was meine Ehefrau tut, ist komisch", erklärt er in Anspielung auf seine tumben Comedy-Kollegen, die noch nicht mal türkisch können. Der kleinkünstlerisch begabte Tscherkesse sieht sich selbst als eine Art Drewermann des Islam, ein in alle Richtungen kritischer Weltgeist, der sich auf der Bühne quasi selbst spielt und gekonnt mit Vorurteilen jongliert.
Wenn man von einem seiner Sätze am Kopf getroffen wird, braucht man nicht verletzt zu sein. Dikmens Schwert ist mit Liebe geschärft und von tiefer Sympathie geführt. "Die Türken lieben Deutschland", sagt er ganz unironisch. "Sie wollen in die EU, weil ihr schon da seid."
Dikmen will Klischees töten, bevor wieder neue entstehen und hat sich so über die Jahre als kabarettistischer Entkalker der landläufigen Meinung etabliert. Dabei ist er immer versöhnlich und niemals ein Spalter.
Im Sapperlot nähert sich der dienstälteste Kabarettist deutscher Zunge ("Knobi-Bonbon") den drei abrahamitischen Religionen Christentum, Islam und Judentum (gemeinsames Feindbild: die Atheisten), klopft Gemeinsamkeiten ab und liest allen Seiten ganz gehörig die Leviten. Dikmens Bühnenrezept ist die rhetorisch treffsichere, chronisch ausschweifende und assoziative Erzählung, bei der er vom Hölzchen aufs Stöckchen kommt und dabei vor lauter Brillanz nicht mal den Faden verliert.
Elementares passiert zwischen den Zeilen. Das Publikum benötigt manchmal eine gewisse Zeit zum Warmverstehen. Doch der ehemalige Krankenpfleger weiß, wie er seine Leute verarzten muss, um sie bei Laune zu halten: Alle paar Minuten fragt er konsequent ab, ob schon was hängen geblieben ist. "Islam bedeutet Hingabe an Gott. Wie soll das gehen, wenn ich mir von ihm nicht mal ein Bild machen darf?"
Trotz allem sei die Religion der Apple unter den Weltreligionen: mit einem schnelleren Zugriff (auf Gott) und weitaus mehr Extras und Zubehör als in vergleichbaren Systemen. Fünf Mal am Tag beten, regelmäßige Pflichtalmosen und gelegentlich keine feste Nahrung vor Sonnenuntergang - das macht vor allem Christen an, denen ihre gesetzmäßig aufgeweichte Konfession irgendwie "zu lasch" sei.
Hasstirade aus Altem Testament
Immerhin wechseln pro Jahr rund 4000 deutsche Christen die Seiten. Warum? Das weiß auch Sinasi Dikmen nicht genau, schließlich heiße es ja auch Glaubensbekenntnis und nicht Glaubensverständnis. Auf jeden Fall sei "im Islam für jeden was dabei". Einer der Höhepunkte des Abends ist eine Hasspredigt, die Dikmen mit Gebetskäppchen auf dem Kopf ins Sapperlot brüllte. Da ging es um die blutige Vernichtung aller Ungläubigen als höchstes Ziel religiöser Treue. Der Text war echt, aber nicht aus dem Manuskript eines fundamental-islamistischen Bombenlegers, sondern aus dem Alten Testament. Solche Hasstiraden gäbe es im Koran gar nicht, sagt der Kabarettist. "Jedenfalls nicht derart Mel-Gibson-mäßig."
Thomas Tritsch
Bergsträßer Anzeiger
13. Oktober 2009









