Sapperlot: Chansonnier bezaubert und berührt Publikum im zweimal ausverkauften Theater / Mehr als nur Imitation
Lorsch. Tim Fischer, Chansonnier und Schauspieler aus Berlin, trat zum dritten Mal in Lorsch im Theater Sapperlot auf. Und er tat es gern, wie man zweifelsfrei feststellen konnte. Seine Liebeserklärung an das Theater war ehrlich gemeint. Und sein Geburtstagsständchen zum achtjährigen Bestehen des Theaters freute Hans-Peter Frohnmaier und Silvia Rink-Frohnmaier.
Nach seiner Hommage an Zarah Leander, "Zarah ohne Kleid" und sein Georg Kreisler-Revival "Gnadenlose Abrechnung" in den Vorjahren, stand Tim Fischer dieses Mal mit seinen Musikern gleich an zwei Tagen hintereinander auf der Kleinkunstbühne, um dem Publikum den "Kosmos der KnefQschen Lyrik einzuhauchen".
Unerfüllte Suche nach dem Glück
Gemeint war ganz klar die Diva, Schauspielerin, Autorin und Chansonsängerin Hildegard Knef, die in diesem Jahr 85 Jahre alt geworden wäre. Und die, wie man weiß, vom Leben durchgeschüttelt wurde und immer wieder aufgestanden ist.
Ohne Pathos, sparsam in der Gestik, ausdrucksstark in seiner Mimik, stand der grazile, scheinbar alterslose Künstler da, erst im eleganten schwarzen, später im weißen Anzug. Ohne Schnörkel, ohne Abendkleid und ohne Federboa, wie sonst bei manchen seiner Auftritte. Nur die rabenschwarzen künstlichen Wimpern erinnerten äußerlich an die Knef.
Traurige Liebeslieder
Schnell wurde klar: Es waren die klugen Gedanken der Schauspiel-Ikone über ihre Suche nach dem Glück, ihre unerfüllten Sehnsüchte und ihre Erkenntnisse über den Zauber der Nacht, die hier im Mittelpunkt standen und die Hauptrolle spielten. Und die die Zuhörer tief berührten und nachdenklich werden ließen.
Was der Chansonnier dem hingerissenen Lorscher Publikum im zwei Mal ausverkauften Sapperlot servierte, war keine schlichte Imitation von Hildegard Knef.
Der Künstler mit den lasziven, gefühlvollen, dann wieder ausladenden Bewegungen, interpretierte die oftmals trotzigen und melancholisch- traurigen Knefschen Texte mal kraftvoll, dann wieder mit großer Empathie, ganz zart, liebevoll und sanft. Immer aber mit sehr großer Intensität.
Seine akzentuierte Aussprache, sein hartes R, seine unverwechselbare Präsenz und seine Persönlichkeit unterstrichen die Bedeutung der klugen und ehrlichen Inhalte.
Es sind sehr persönliche, oftmals traurige Liebeslieder, in denen die einstige Rebellin mit der verrauchten Stimme von ihren Ängsten und Rückschlägen erzählt. Es sind aber auch Lieder voller Selbstironie und Selbstzweifel.
Immer wieder blitzt der Humor der großen, alten Dame des Films durch, die durch viele Täler gegangen ist und sich trotzdem niemals hat verbiegen lassen. Bis zu ihrem Tod.
An die Tochter: Hör nicht auf mich
Zeilen wie "Mein Ziel ist unters Rad gekommen", "Ich bin den weiten Weg gegangen - und oft im Kreis", "Es war Liebe auf den 100. Blick" oder "Das Glück kennt nur Minuten, der Rest ist Warteraum" sind typisch für die Knef. Einmalig schön auch die musikalische Liebeserklärung an ihre neugeborene Tochter, "Hör nicht auf mich".
Ein wunderbarer Tim Fischer schaffte es mit Bravour, die zeitlosen, geradlinigen Texte von Hildegard Knef mit Stil und Sympathie vorzutragen und dabei viel von seiner eigenen Persönlichkeit mit einzubringen. Es war ein absoluter Genuss zu hören und zu erleben, wie Fischer die Knef den Theaterbesuchern liebevoll und mit Respekt vorstellte und - obwohl er sich dabei selbst in die zweite Reihe stellte - immer selbst sehr präsent war.
Tim Fischer bezauberte das Lorscher Publikum mit einem Potpourri aus vielen weniger bekannten Knef- Songs und natürlich den unvergessenen Hits, wie "Von nun an gehtQs bergab", "Ich möchte am Montag mal Sonntag haben" und den Top-Klassiker "Für mich sollQs rote Rosen regnen". Großen Anteil an den gelungenen Arrangements und dem großartigen Konzert mit Fischer hatten dessen Musiker, Rüdiger Mühleisen am Flügel, Ralf Templin an der Gitarre und Sebastian Selke am Cello. Die Sapperlot-Besucher waren hingerissen und holten die Künstler mehrmals zurück auf die Bühne. gs
Bergsträßer Anzeiger
19. November 2010









